Interview zum Konzert am 15. März

Liebe, Nacht und ein Konzert

 

Am 15.März gibt die Chorgemeinschaft unter der Leitung von Antonie Gorzawski sein Frühjahrskonzert unter dem Titel „Liebe, Nacht und … Wanderschaft“ zusammen mit der Solistin Ute Feuerecker, den Pianisten Marita Maierholzner und Christoph Schmid. Im Zentrum des Konzertes stehen Chorlieder aus der Zeit der Romantik. Im nachfolgenden Interview erklären die Solistin und die Chorleiterin sowie Christoph Schmid auf Seiten der Pianisten die Besonderheiten des Programms.

Die Winterreise“ ist ein Kunstliederzyklus von Franz Schubert. Kunstlied – das klingt entweder verkopft oder spießig. Ist das die Singer-Songwriter-Variante des 19. Jahrhunderts? Was bedeutet Kunstlied?

Gorzawski: Es ist auf alle Fälle nicht Unterhaltungsmusik. In der Wissenschaft gibt es die Unterscheidung zwischen Volkslied und eben Kunstlied: Die Texte sind Gedichte, die Autoren stets bekannt, ebenso der Komponist. Mit Singer-Songwriter ist es eher in dem Sinn vergleichbar, wenn Jazzmusiker einen bekannten Text adaptieren. Das wird dann artifiziell, so wie eben auch das Kunstlied.

Feuerecker: Gibt es vor 200 Jahren einen Gegenentwurf zum Kunstlied? Wohl nur das Volkslied, aber Schnittmenge ist die Verarbeitung von Gefühlen.

Schmid: Bekannt sind natürlich die Schubertiaden, Abende für Insider. Aber im Bürgertum verbreitet sich die Hausmusik mit Klavier immer mehr. Ab dem Zeitpunkt der Kunstlieder im Konzertsaal hört sich das Elitäre auf, es wird einer breiten Gruppe bekannt.

 

Und wenn dann ein Chor diese bekannten Lieder singt, wie „Am Brunnen vor dem Tore“, ist das nicht zu konstruiert?

Gorzawski: Ich war tatsächlich sehr skeptisch bei der Chorversion, jetzt muss also das letzte Eck in der Musik auch noch für Chor arrangiert werden. Aber in dieser Variante hat der Chor nicht Solistenfunktion, sondern bildet den Sound, wie bei einem Orchester. Grundsätzlich ist eine derartige Übertragung natürlich gefährlich, hier aber sehr gut geglückt.

Feuerecker: Begonnen hat diese neue Mode in der Chorkomposition mit Clytus Gottwald, der für Stuttgarter Chöre Kunstlieder so transkribiert hat, dass es z.B. nur einen 16-stimmigen Ensemblesatz gibt, keine Begleitung mehr, da die bis auf die letzte Note gesungen wird.

Schmid: Es ist natürlich verständlich, dass eine sehr populäre Musik wie die „Winterreise“ weiter verarbeitet wird. Die eigentliche Erzählung ist ja zeitlos.

 

Herr Schmid, Sie sind bei diesem Konzert Diener dreier Herrinnen?

Schmid.: O ja. Wer schafft hier an? Als Pianist, ebenso wie Marita Maierholzner, ist man sein eigener Herr, wir bilden den Rahmen für das Ganze. Bei der Liedbegleitung haben wir große Gestaltungsfreiheiten: Wir stehen nicht im Vordergrund, man schafft die Welt, in die die Sängerin hineingeht und agiert gemeinsam. Mit Chor ist es natürlich diffiziler, die Dirigentin brauchen wir für die Eins.

 

 

Die „Winterreise“ sei ein „Zyklus der Verzweiflung“ und stelle die Wanderung eines Menschen dar, der in tiefer Verzweiflung und Zurückgeworfenheit auf sich selbst ziellos durch eine imaginäre winterliche Landschaft irrt und keine Hoffnung für sich sieht. So eine der vielen Interpretationsansätze. Die romantischen Metaphern „Nacht“, „Mond“, „Nachtigall“, „Wanderschaft“, „Lerche“ und natürlich die „Linde“ fordern doch eigentlich eine Interpretation. Wieviel muss der Hörer darüber wissen?

Gorzawski: Die Motive bieten jedem alles. Vergleicht man es mit der Johannespassion, so könnte man hier auf alle notierten und gesungenen Kreuzesmotive hinweisen, die Zahlenmystik auseinandernehmen, aber der Reiz liegt bei Bach als auch bei Schubert darin, dass ich immer Zugang finde. Weiß ich mehr, umso stärker tauche ich ein.

Schmid: Was ist denn ein Kunstwerk? Es macht verschiedene Ebenen auf, so dass sich viele finden können. Die Einsamkeit aber auch die Liebe sind umfängliche Themen, sehr präsent. Und in der Kunst kann sich jeder selbst gespiegelt sehen.

 

Sie begleiten zusammen mit Marita Maierholzner die „Liebeslieder-Walzer“ von Brahms. Ist das nicht eine seltsame Zusammenstellung von Lied und einem instrumentalen Stück ohne Worte?

Brahms war aktiver Chorleiter, damit nicht nur Komponist. Als Künstler, der von seinem Beruf leben muss, hat sich aber auch intensiv mit Verkaufszahlen auseinandergesetzt und seine Walzer waren sehr populär, Verkaufsschlager. Daher gab es für die Liebeslieder hier eine Bitte seines Verlegers und herauskamen diese Walzer für die Wiener Gesellschaft, angelegt zuerst für 4 Solisten mit sehr süffisanten Texten, quasi Partylieder. 4-händige Walzer von Brahms waren bekannt, also werden beide Elemente sehr gewinnbringend miteinander verknüpft.

 

In welchem Rahmen sind die Stücke zur Entstehungszeit gespielt worden? Muss man vorsichtig sein wegen des Frauenbildes?

Schmid: Bei Brahms hatte sich die Liedszene bereits verändert, die Insider-Schubertiaden sind vorbei; er schrieb fürs Konzertpublikum, für eine breit werdende bildungsbürgerliche Schicht, nicht mehr Hausmusik.

Feuerecker: Die Ständchen und Liebeslieder des Konzertes entsprechen ernster Verliebtheit von beiden Seiten. Wir singen nicht das "Heidenröslein“.

Schmid: Museale Musik ist eine bewusste Entscheidung, die mit aktuellen Meinungen konvergiert. Das ist zu einem hohen Grad interessant. Man muss sich bewusst sein, dass es museal ist, man kann es gegenüberstellen und muss den Spagat aushalten. Die Grundthemen - wie im Titel des Konzertes angegeben - sind die gleichen geblieben.

 

2 Pianisten, eine Solistin, ein großer Chor, eine Dirigentin. Wer schafft da an?

Gorzawski: Hier ist es eher ein Balanceakt, denn die Pianisten sollen gestalten dürfen, ebenso die Solistin, sonst wird es steril. Ein Chor braucht klare Führung und muss zurückgehalten werden gerade bei Klangwolken. Damit sehe ich mich als Bindeglied zwischen Interpretation und Überbau.

 

Auf welches Stück freuen Sie sich am meisten?

Gorzawski: Der gedankliche Entstehungsprozess ist hartes Leiden: An einem Tag findet man ein Stück super, am zweiten Tag könnte es manchmal schon wieder weg. Bei Herzogenberg blieb die anfängliche Begeisterung. Wenn ich aber aus der Winterreise auswählen muss, dann „Auf dem Flusse“.

Schmid: Für mich sind es alle ausgewählten Winterreise-Lieder, da sie in einem neuen Kontext gebracht werden, dabei kommt aber das Neue sehr moderat daher. Favorit ist aber auch bei mir „Auf dem Flusse“.

Feuerecker.: Für mich ist es das „Ständchen“ von Schubert. Es wird selten aufgeführt und ist bei mir eine Kindheitserinnerung: Im Plattenschrank meiner Eltern befand sich eine Aufnahme mit Sängerknaben, die dieses „Ständchen“ sangen und ich habe es mit 11 oder 12 Jahren inbrünstig mitgesungen. Vielleicht war dieses Lied tatsächlich auch mitverantwortlich für den Wunsch, Sängerin zu werden.